“La Notte di Natale” – Die Weihnachtskonzerte

Wem Chor- oder gar Sologesang zur Weihnachtszeit auf die Nerven geht, oder wer sich zumindest einmal nach ein bisschen Abwechslung hiervon sehnt, dem seien ganz bestimmte Instrumentalkonzerte aus der Barockzeit wärmstens empfohlen – die “Weihnachtskonzerte von Corelli, Torelli, Manfredini und Locatelli.

Diese Konzerte von Herren mit so klangvollen Namen wie Corelli, Torelli, Manfredini und Locatelli tragen den Titel “Weihnachtskonzerte”, sind also von ihren Komponisten explizit für eine Aufführung zur Weihnachtszeit bestimmt worden, “fatto per il Santissimo Natale”, wie das dann im Original meist heißt.

Namensgebend für die Weihnachtskonzerte ist die Tatsache, dass sie jeweils einen Satz enthalten, der in Form einer “Pastoralmusik” komponiert ist – und dann meistens auch den Titel “Pastorale” trägt. In dieser “Hirtenmusik” ahmen die Komponisten der damaligen Zeit die Klänge nach, die für musizierende Hirten im 17. Jahrhundert charakteristisch waren: eine Schalmei – ein primitives Rohrblattinstrument, quasi eine “Oboe light” – auf Italienisch “piffero”, begleitet von einem Dudelsack (den es nicht nur bei den Schotten gab!), auf Italienisch “zampogna” und manchmal auch von einer Drehleier – ein Streichinstrument mit Kurbel. Das Zusammenspiel dieser Instrumente ergab einen unverwechselbaren Klang. Zwei Oberstimmen in Terzparallelen, die in einem eigentümlich wiegenden Rhythmus erklingen, unterlegt von einem liegenbleibenden, lang ausgehaltenen Basston. Diesen wiegenden Rhythmus haben die Komponisten später in den für Pastoral-Musiken charakteristischen Zwölfachtel-Takt gegossen.

Die Tatsache, dass diese Art zu musizieren damals so bekannt war, ist dem Umstand zu verdanken, dass gerade in Rom, wo unter anderem der berühmte Herr Corelli lebte, die Hirten aus der umliegenden Campagna und den Abruzzen zur Weihnachtszeit in die Ewige Stadt kamen, um dort auf den Plätzen vor Marienbildern oder aufgebauten Krippen mit ihren typischen Instrumenten aufzuspielen und so quasi ihre persönliche musikalische Weihnachtsandacht abzuhalten, vielleicht gedacht als eine Art Wiegenlied für das Jesuskind. Diese Hirtenmusik der “Pifferari” kam bei den Römern natürlich gut an und erfreute sich großer Beliebtheit, zumal sie sehr eingängig war und diesen spezifischen Klang besaß, den wahrscheinlich alle Leute damals sofort mit der Weihnachtszeit assoziierten, so wie es vielleicht heutzutage bei Musikstücken der Fall ist, die mit rhythmischem Glöckchengeläut unterlegt sind.

So gesehen ist es eigentlich eine logische Konsequenz, dass sich auch die Komponisten des ausgehenden 17. und frühen 18. Jahrhunderts mit dieser charakteristischen Musik näher beschäftigten und diese für ihre eigenen Werke adaptierten. Es war nicht üblich, die “profanen” Hirteninstrumente selbst für “seriöse” Kompositionen zu verwenden, so dass die Klänge, die Stimmverteilung und natürlich der wiegende Rhythmus meist auf Streichinstrumente übertragen wurden, da viele damalige Komponisten, wie eben auch Corelli, Manfredini und Torelli,  Violinvirtuosen waren und daher natürlich hauptsächlich für Streichensembles komponierten denen sie meist selbst angehörten.

Das berühmteste, älteste und beliebteste dieser Weihnachtskonzerte  stammt nun von  Arcangelo Corelli – andere Komponisten folgten mit entsprechenden Stücken alsbald dem erfolgreichen Beispiel nach.
Meist steht der Pastoralsatz wie bei Corelli (und auch Locatelli) am Ende des mehrsätzigen Konzerts, bei Torelli und Manfredini hingegen unverkennbar am Anfang.

Zum absoluten “Grundbestand” gehören die  am 14. Dezember am Programm stehenden Konzerte, die die Komponisten zunächst meist in mehrteiligen Sammlungen eigener Concerti (alle jeweils in ähnlicher Besetzung in Form von Streichensembles) im Zeitraum zwischen 1700 bis 1720 erstmals veröffentlichten:

Arcangelo Corelli (1653-1713)
Concerto grosso fatto per la Notte di Natale (g-moll) op. 6 Nr. 8

Francesco Manfredini (1684-1762)
Concerto grosso per il Santissimo Natale (C-Dur) op. 3 Nr. 12

Giuseppe Torelli (1658-1709)
Concerto a 4 in forma di Pastorale per il Santissimo Natale (g-moll) op. 8 Nr. 6

Pietro Antonio Locatelli (1695-1764)
Concerto grosso (f-moll) op. 1 Nr. 8

Wirklich interessant sind eigentlich die Kompilationen, auf denen man dank einer durchdachten Zusammenstellung zunächst die jeweils vollständigen Konzerte zu hören bekommt. Darüber hinaus auch noch ein paar andere weihnachtliche Konzerte aus dem Barock  – da gibt es nämlich noch eine ganze Menge meist unbekannter, aber wirklich stimmungsvoller Werke noch zu entdecken!